Standpunkt
Wir haben keinen Vergleich mehr
Es begann nicht mit einer These, sondern mit einem Unbehagen.
Wir entwickeln seit 1999 Software und betreiben Infrastruktur. In dieser Zeit sind Werkzeuge oft besser geworden — man freut sich, gewöhnt sich daran und arbeitet weiter. Was wir gerade erleben, ist etwas anderes. Arbeiten, für die früher Wochen anzusetzen waren, sind an einem Nachmittag fertig. Nicht schlechter. Fertig.
Das Beunruhigende daran ist nicht die Geschwindigkeit selbst. Es ist, dass sich dafür kein Vergleich finden lässt. Für jede große technische Umwälzung der Vergangenheit gibt es einen Referenzfall, an dem man sich orientieren kann: die Elektrifizierung, die Einführung des rechnergestützten Konstruierens, die Bürocomputer. Sie alle haben zwei Jahrzehnte gebraucht — und zwar nicht, weil die Technik es nicht hergab, sondern weil Organisationen, Verträge, Ausbildungswege und Zulassungszyklen so lange brauchten. Eine Veränderung dieser Größenordnung in diesem Tempo ist noch nie beobachtet worden. Wer sagt, er wisse, wie es ausgeht, stützt sich auf einen Präzedenzfall, den es nicht gibt.
Ein Unterschied fällt dabei besonders auf. Beim Elektromotor war die freigesetzte Arbeitskraft in keiner Phase das Mittel der weiteren Elektrifizierung. Diesmal ist sie es: Wer heute in der Softwareentwicklung frei wird, ist genau derjenige, der morgen die nächsten Prozesse automatisiert. Der Vorgang treibt sich ein Stück weit selbst an — und genau deshalb könnte er schneller ablaufen, als es die bisherige Erfahrung erwarten lässt.
Warum wir das aufgeschrieben haben
Weil man in einer Lage ohne Vergleichsfall nicht abwarten kann, bis sich einer einstellt. Also haben wir getan, was in dieser Situation möglich ist: eine Annahme gesetzt und sauber ausgearbeitet, was aus ihr folgen würde. Die Untersuchung behauptet nicht, dass es so kommt. Sie fragt, was dann gälte — für den industriellen Mittelstand, für die Bürotätigkeiten, für eine Sozialversicherung, die fast vollständig aus Arbeitseinkommen finanziert wird.
Was dabei herauskommt, verschiebt die Debatte. Sie wird in Deutschland überwiegend als Technologiefrage geführt — Rechenzentren, Modelle, Förderprogramme. Wenn unsere Überlegung trägt, ist sie das gerade nicht. Über die Technik verfügen bald alle. Was sich unterscheidet, ist die Geschwindigkeit, mit der ein Land sie in seine Betriebe, Behörden und Rechtsverhältnisse einlässt. Diese Geschwindigkeit entscheidet sich im Betriebsverfassungsrecht, im Beschäftigtendatenschutz, im Verwaltungsverfahrensrecht — in Bereichen also, die als geregelt gelten und in denen niemand Aufbruch erwartet.
Das ist eine unbequeme Prioritätenordnung, und ihr kann widersprochen werden. Deshalb nennen wir am Schluss ausdrücklich die Einwände, die unser eigenes Szenario widerlegen würden. Ein Text, der das nicht tut, ist kein Beitrag zur Debatte, sondern eine Behauptung.
Was uns dabei am meisten beschäftigt
Es gibt einen Anwendungsfall, bei dem sich Produktivitätsgewinn und gesellschaftlicher Bedarf tatsächlich decken: die Entlastung von Pflege, Medizin und Bildung von Dokumentationsarbeit. Dort setzt Automatisierung niemanden frei — sie gibt vorhandenen Fachkräften Arbeitszeit zurück, in einem Bereich, in dem Personal fehlt und weiter fehlen wird. Jede zurückgewonnene Stunde ist eine Stunde am Patienten. Dieser Kanal hätte politische Priorität verdient. Er hat sie nicht.
Wir legen die Untersuchung offen vor, weil wir glauben, dass sie diskutiert gehört — von unseren Kunden, von Unternehmen, die vor denselben Fragen stehen, und von allen, die sie interessiert. Widerspruch ist ausdrücklich erwünscht.
Der Faktor 10 lesen (PDF, 26 Seiten)
factsoft AG, München — Martin Richter, 10. August 2026